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Dorian Rieger

Horrende Mieten in Wohngemeinschaften – Betrachtungen zu einem Spezialfall des Mietenwahnsinns

Bild: Screenshot aus dem beliebten WG-Vermittlungsportal WG-gesucht. Der Screenshot dient nur der Veranschaulichung der Mieten, die in Stuttgart für WG-Zimmer z.T. abgerufen werden. Es soll nicht damit ausgesagt werden, dass die sichtbaren Anzeigen speziell »abzockerisch« sind. Häufig geben Hauptmieter nur hohe Mieten anteilig an potenzielle Mitbewohner weiter.

Ein Gastbeitrag von Dorian Rieger

Über die Wohnungsfrage und die explodierenden Mieten ist in den letzten Jahren viel geschrieben worden. Immer mehr Lohn wird von Miete und Nebenkosten aufgefressen, bis am Ende kaum noch etwas übrig bleibt. Ganz so dramatisch ist die Situation bei mir nicht, jedoch zeigt mein Fall einen Teil des Versagens kapitalistischer Mietenpolitik. Seit etwas mehr als einem Jahr wohne ich nun mit vier Mitbewohner*innen in Stuttgart (deutsche Großstadt mit der höchsten Mietspiegelmiete) in einer Wohngemeinschaft (WG). Das ist übrigens sehr weit verbreitet: 21 % der Mieter*innen in Deutschland wohnen in Wohngemeinschaften.

Unsere Wohnung ist 90 Quadratmeter groß, 25 davon sind Gemeinschaftsfläche wie Küche, Bad, Klo und Flur. Ein Wohnzimmer haben wir nicht. Im Unterschied zu anderen WGs, in denen eine*r der Bewohner*innen Hauptmieter*in ist und an die anderen untervermietet, hat unser Hauseigentümer mit jedem WG-Mitglied einen separaten Mietvertrag abgeschlossen.

Ich zahle für mein 11 Quadratmeter großes Zimmer jeden Monat, 465 € Miete. Meine vier Mitbewohner*innen zahlen – je nach Größe ihrer Zimmer etwas mehr oder weniger. Insgesamt löhnen wir unserem Vermieter monatlich knapp 2.400 €. Schon immer wundern wir uns über die horrende Miete, die wir zahlen, während andere WGs nicht ganz so tief in die Tasche greifen müssen.

Wenn man eine Orientierung haben will, wie viel der Vermieter berappen darf, dann ist die ortsübliche Vergleichsmiete maßgeblich. Diese kann man im Mietspiegel ablesen. Am Stuttgarter Mietspiegelrechner1 konnte ich bequem bestimmen, dass unser Vermieter für unsere Wohnung insgesamt zwischen 770 und 1.100 € Kaltmiete verlangen könnte. Wir zahlen zwar eine feste Miete, die Nebenkosten beinhaltet, aber insgesamt zahlen wir mehr als das doppelte der durchschnittlichen Vergleichsmiete.

Wie kann das sein? Ist das rechtens und kann man etwas dagegen tun? Das hat sich in einem ähnlichen Fall ein anderer WG-Bewohner auch gedacht und gegen seinen Vermieter wegen Mietpreisüberhöhung geklagt. Ein extrem mieterfeindliches Urteil des Amtsgerichts Stuttgart vom April 20202 brachte leider die Klärung: Wenn ein Eigentümer an jedes WG-Mitglied extra vermietet, dann darf er jedem zusätzlich zu der Wohnfläche des WG-Zimmers noch 50 % der Gemeinschaftsfläche anrechnen – und nicht etwa nur die Quadratmeter Gemeinschaftsfläche geteilt durch Anzahl der WG-Bewohner*innen. Das Amtsgericht betrachtet die Sache also so, dass der Vermieter unser Fünfer-WG 62,5 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche abrechnen darf, wo es in Wirklichkeit nur 25 Quadratmeter sind. Bei dem Preis sollte zumindest ein Wohnzimmer drin sein, möchte man meinen...

Es wäre zu einfach, jetzt meinen Vermieter als Blutsauger zu beschimpfen und es dabei zu belassen. Als Marxist*innen müssen wir aber sehen, dass er in seinem logischen Klasseninteresse handelt und ja geradezu dumm wäre, nicht jeden Cent aus uns herauszuquetschen. Stammtischparolen werden uns hier nicht weit bringen, die Lohnabhängigen und Mieter*innen müssen sich organisieren, in Mieterinitiativen, und noch besser, in einer Partei. Kurzfristig sind Mietenstopp und Preiskontrollen alternativlos für eine Wohnungspolitik, die das menschliche Bedürfnis nach Wohnen befriedigt, aber perspektivisch brauchen wir eine Überwindung von Markt und Profitwirtschaft.

Dorian Rieger ist aktiv bei DIE LINKE in Stuttagrt-Ost und bei den Jugendorganisationen Linksjugend [solid] Stuttgart und SDS.


1 https://www.service-bw.de/web/guest/prozessdurchfuehrung/-/aufgaben/process/550444904

2 AG Stuttgart – Az.: 31 C 5490/18 – Urteil vom 28.04.2020. Mehr Details zu dem Verfahren siehe z.B. unter: https://www.mietrechtsiegen.de/ortsuebliche-vergleichsmiete-bei-einem-wg-zimmer/