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»Wir wollen mehr Wertschätzung für unsere Arbeit!«

Im Interview Nevin Kirstein. Sie ist Krankenpflegerin im Klinikum Stuttgart, aktiv in der Gewerkschaft ver.di. und hat sich mit vielen Kolleginnen für eine Lohnzulage von monatlich 500 Euro eingesetzt.

Wie sind Arbeitsbedingungen am Klinikum Stuttgart und warum hast Du dich zusammen mit anderen für eine Lohnzulage eingesetzt?
Im Vergleich zu anderen Krankenhäusern geht es uns, da die Stadt Stuttgart teilweise Trägerin des Krankenhauses ist, besser als anderen Krankenhäusern. Aber von guten Arbeitsbedingungen sind wir auch weit entfernt. Auf der Normalstation, auf der ich arbeite, bin ich im Früh- oder Spätdienst für 9 bis 10 Patient*innen zuständig. Weil die schwer krank sind, brauchen viele Unterstützung bei der Körperpflege: Es müssen Verbandswechsel gemacht, Blutzuckerwerte gemessen, Infusionen verabreicht und einige Patient*innen müssen nach einem Eingriff überwacht werden. Dazu kommt noch die übrige Arbeit: Essenstabletts austeilen und wieder einsammeln, Patientenaufnahme, -verlegung und -entlassung, Visitenausarbeitung, Medikamente richten etc. Das ganze muss natürlich auch dokumentiert werden. Dadurch dass man so viele Patient*innen mit erhöhten Unterstützungsbedarf betreuen muss, können viele Aufgaben, die aber auch wichtig wären, schlechter aus oder gar nicht erledigt werden. Betten werden kaum geschlossen. Wir müssten einfach mehr Kolleg*innen haben, um die Menschen bedarfsgerecht behandeln zu können. Der Personalmangel wird sich über die nächsten Jahre noch verschlimmern. Wir müssen uns jetzt dafür einsetzen, dass der Pflegeberuf attraktiver wird. Das wird es nur, wenn neben besseren Arbeitsbedingungen auch die Gehälter besser werden. (Die großen Krankenhäuser müssen da mit gutem Beispiel vorangehen, damit die kleineren nachziehen können.) Deswegen war es mir wichtig, mich für diese tarifliche Lohnzulage einzusetzen.

Wie habt ihr es geschafft den Politiker*innen im Gemeinderat klar zu machen, dass es eine Zulage braucht?
Das war ein hartes Stück Arbeit. Also erst mal war uns klar, dass wir uns nicht selber für unsere Interessen starkmachen, dann macht es keiner. Wir haben Unterschriften sowohl in der Belegschaft als auch im privaten Umfeld gesammelt. Diese haben wir dann dem Verwaltungsrat übergeben. Nach guten Gesprächen mit Vertreter*innen von der Linken Gemeinderatsfraktion und PULS gingen, wurde in Zusammenarbeit mit diesen Fraktionen und mit ver.di Anträge für eine tarifliche Lohnzulage in den Verwaltungsrat eingebracht. Bis der Verwaltungsrat über die Anträge debattiert hatte und am Ende doch entschied, dass das der Gemeinderat beschließen muss, haben wir versucht, die Kolleg*innen auf den Stationen auf dem Laufenden zu halten. Wir haben dafür das persönliche Gespräch gesucht und auch das Flugblatt der ver.di-Betriebsgruppe »Krankenhausinfo« verteilt. Dieses ging auch immer den Gemeinderät*innen zu. Auch waren wir viele Male, sogar bis kurz vor der Entscheidung, in Kontakt mit den Gemeinderät*innen aller Partein, außer der AfD. Am Ende konnten wir auch SPD und die Grünen die Notwendigkeit der Zulage klarmachen. Zu den Verwaltungsausschusssitzungen im Rathaus haben wir jeweils ganz aktiv Kolleg*innen mit Plakaten und Dienstkleidung und Sympathisant:innen mobilisiert, die vor den Saaltüren des Sitzungssaals Spalier standen. Bei fast jedem größeren Zwischenschritt war auch die Presse mit vor Ort und hat im Anschluss berichtet.

Wie bewertest Du und andere Kolleg*innen das Ergebnis? Was wäre noch nötig, um die Arbeitsbedingungen am Klinikum weiter zu verbessern?
Das ist ein Riesenerfolg von Beschäftigten für Beschäftigte und die Kolleg*innen, die jetzt mehr Gehalt bekommen, freuen sich natürlich. Natürlich sind aber andere auch enttäuscht, dass sie nicht auch die Zulage bekommen. Es ist klar: Es darf nicht das Ende der Fahnenstange gewesen sein. Das Leben in Stuttgart ist für alle Beschäftigten im Krankenhaus teuer. Da müssen auch die anderen Berufsgruppen mitbedacht werden. Jedes scheinbar noch so kleine Zahnrad ist im großen Getriebe des Krankenhauses ist wichtig. Ohne die Kolleg*innen in der Technik, in der Logistik, der Sicherheit, der Reinigung etc. würde der Laden nicht laufen. Auch sie haben eine Zulage verdient, auch sie brauchen höhere Gehälter.
Dafür können wir uns bei den Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienstes, die Anfang 2023 stattfinden, gemeinsam einsetzen. Da müssen wir uns sehr gut organisieren, Stärke zeigen, streiken und uns nicht mit halben Sachen abspeisen lassen. Wir dürfen dann auch nicht zulassen, dass unsere jetzt erkämpfte Zulage einfach mit der Tariferhöhung verrechnet wird.

Das Gespräch führte Filippo Capezzone